Über Lebenskrisen und Videospiele

2019 war ein sehr durchwachsenes Jahr für mich. Genau vor 12 Monaten habe ich mich gerade auf meine Abiturprüfungen vorbereitet. Ich war voll von Vorfreude, endlich das hinter mir zu lassen. Gleichzeitig war da aber auch eine gewisse Melancholie. Schließlich geht damit das erste große Kapitel im Leben zu Ende. Danach wird alles anders, alte Freunde verstreuen sich im ganzen Land um ihr erwachsenes Leben zu beginnen und ich tue es ihnen gleich. Das ist vielleicht erstmal auch etwas traurig, doch auch ein tolles Gefühl, denn schließlich ist es ja das Ziel, auf das man immer hingearbeitet hat. Das, was man eigentlich immer wollte. Und dann steht man da, auf der Bühne. All die harte Arbeit, all die Jahre steuerten hierauf zu. Man bekommt den lang ersehnten Wisch in die Hand gedrückt, schaut sich um und weiß, dass man all diese Gesichter ab morgen nicht mehr täglich sehen wird. Manche vielleicht nie wieder. Man weiß, dass man in den kommenden Monaten herausfinden sollte, was man denn jetzt eigentlich so vom Leben erwartet. Und die darauffolgende Zeit war für mich auch verdammt turbulent: Erst ging es etwas auf Reisen, ein paar Mal auf Konzerten, ansonsten immer mit Freunden was unternommen, immer unterwegs einfach.

Währenddessen habe ich auch extrem viel gespielt. Endlich hatte ich auch mal Zeit, so viele Dinge anzugehen. Habe mal ein paar alte Klassiker nachgeholt, viele viele wundervolle Indie Spiele auf Itch entdeckt und generell mich immer noch viel damit auseinandergesetzt. Doch die vertriebenen Stunden wurden zu Tagen, Wochen, Monaten und irgendwann holt einen aus dem ganzen Spaß und Exzess dann wieder die Realität ein. Und zwar auf einen Schlag. Was machst du eigentlich jetzt? Was willst du studieren? Willst du überhaupt direkt studieren? Und wo? Dass ich zwischendurch noch ein gebrochenes Herz hatte, tat der ganzen Situation auch nicht gerade gut. Eine gefühlte Ewigkeit lang hängt man dann in der Schwebe, weiß nichts mit sich anzufangen. Und da ich sowieso eine sehr nostalgische Person bin, klebt man dann auch noch fest an Erinnerungen, an Zeiten in denen man sich irgendwie nicht mit all dem beschäftigen musste. Denn sobald dann feststand: Alles klar, du willst Medien studieren, alles klar, du willst nach Düsseldorf gehen, kam dann der ganze Rattenschwanz der dran hängt: Wohnungssuche, Immatrikulation, Finanzen, Wohnungssuche, Sich mit dem Studienfach auseinandersetzen, WOHNUNGSSUCHE. Tja und dann ist Semesterbeginn. Und man hat keine Wohnung. Ich bin da noch so privilegiert, dass ich bei einem Freund außerhalb von Köln unterkommen konnte und dann jeden Tag zwei Stunden gependelt bin. Ich weiß da geht es vielen anderen wesentlich schlimmer, gerade im Bezug auf Wohnungssuche in der Großstadt. Die ewige Suche nach einem Zimmer ist – und ich glaube das wird gerne unterschätzt – eine extreme Belastung für die Psyche. Man wird jeden Tag mit dem eigenen Scheitern konfrontiert, in einem ewigen Spiel zwischen einer aufkeimenden Hoffnung, die dann nur wieder im Versagen mündet. Wenn man keine Antworten über wg-gesucht und co. erhält und sich irgendwann einfach nur noch fragt was man falsch macht oder was falsch an einem ist. Ein tolles Gefühl. Socializing im komplett neuen Umfeld fiel mir auch schwer, da zum Einen ich eine sehr schüchterne Person bin und zum Anderen neben der ganzen Pendelei, dem extremen Schlafmangel und der Wohnungssuche wenig Energie übrig blieb, um ordentliche Kontakte zu knüpfen. Also alles eher mies. An manchen Tagen, und ich bin sicher dass jeder solche Tage hat, da will man, wenn es auf dem Nachhauseweg anfängt zu regnen und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, den Kopf erreicht, einfach nur noch schreien. Die Welt verfluchen, warum ich, warum jetzt, warum bricht hier alles zusammen während ich innerlich immer noch verheilen muss. Man tut es natürlich nicht, schreien, denn sozial ist das weniger akzeptiert, aber man stellt es sich vor.

In der Zeit, als ich bei einem Freund unterkam, habe ich circa einen Monat lang aus einem Koffer gelebt und hatte ansonsten nur meinen Laptop dabei. Da kann man sich vorstellen, dass mit Videospielen da nicht viel war. Nicht nur dass mein richtiger PC eben noch zuhause, in meinem Jugendzimmer stand, sondern neben dem ganzen Wohnungs- und Uni-Krams, um den ich mich kümmern musste blieb einfach keine Zeit dafür. Videospiele waren und sind seit extrem langer Zeit irgendwie zu einem integralen Bestandteil meines Lebens geworden. Es ist nicht mehr bloßer Zeitvertreib für mich, sondern ich setze mich gerne damit auseinander, schreibe (viel zu wenig) darüber und habe einen großen Teil meiner besten Freunde darüber kennengelernt. Doch zu dem Zeitpunkt war es wirklich das erste Mal, wo dieser Part einfach weg war. Ich hätte ja durchaus ein zwei Spiele auf meinem Laptop spielen können. Aber ich hatte einfach keine Zeit, keine Motivation, und kein Verlangen danach, mich groß mit irgendeiner Geschichte oder Spielmechaniken auseinanderzusetzen. Auch außerhalb von Spielen war ich komplett aus dieser Welt raus: Ich war nicht mehr informiert, benutzte Twitter überhaupt nicht, war folglich nicht mehr im Austausch mit anderen über das Thema – ich fand erst vor Kurzem durch einen Zufall heraus, dass Edmund McMillen ein neues Spiel herausgebracht hat! Während ich versuchte, mein Leben zu sortieren stieg auch gleichzeitig die Angst in mir. Die Angst, dass meine Passion vielleicht nicht zurückkehren würde. Vielleicht war’s das jetzt einfach, dachte ich. Ich hab irgendwie einige Jahre Spiele gespielt und jetzt ist’s scheinbar genug- Ende aus.
Dann, an einem Wochenende, fuhr ich mal in die Heimat zurück. Es ging mir gar nicht um einen Rückzug, der ganze eklige Pickel namens Wohnungssuche verfolgte mich auch in vertraute Gegenden. Leider. Doch an irgendeinem Nachmittag setzte ich mich doch mal an meinen Computer. Ich startete ein Spiel, über dessen Ästhetik und unfassbare Atmosphäre schon verdammt viele gute Texte geschrieben wurden: The Long Dark.

Zuvor hatte ich das Survival Spiel bloß mal ein oder zwei Stunden angespielt, und danach auf meiner Festplatte liegen gelassen. Ich wollte nichts mit einer großen Geschichte spielen, in die ich mich reinfuchsen muss. Nichts, mit vielen Figuren, wo ich mich erstmal durch Dialog arbeite. Ich wollte die eisige Abgeschiedenheit von The Long Dark.

Und auf einmal war es wieder da: Das Gefühl, wenn man am Bildschirm klebt und man auf eine unbeschreibliche Weise eine Verbindung zu dem Spiel herstellt. Zu dem Zeitpunkt war mir das gar nicht so bewusst, aber heute weiß ich einfach, dass ich von all dem Trubel und dem Umbruch in meinem Leben weg musste. Das Sammeln von Holz, das Konzentrieren auf das Überleben und die pure visuelle Kraft von The Long Dark wirkten wie eine lange Meditation  auf mich. Mein Sommer war vollgeladen von unterschiedlichen emotionalen Ausbrüchen, an die ich fast nur schlechte Erinnerungen hatte und dann einfach durch den Schnee zu stapfen und den Frost zu genießen – das tat schon verdammt gut. Einfach mal alles komplett ausblenden, sich nur auf eine Sache konzentrieren und ja nicht von Wölfen zerfleischt werden. Ich baute mir einen kleinen Unterschlupf in einem verlassenen Zugabteil, ging immer wieder auf die Jagd und beobachtete die wundervollen Polarlichter. Meine kleine Welt, in der alles so läuft, wie ich es bestimme und wie ich es mir vorstelle. Was für ein wunderschön eskapistisches Spiel The Long Dark einfach ist. Ich saß grinsend vor dem Bildschirm. Ich fühlte mich das erste Mal seit langem wieder richtig wohl. Fast schon heimisch. Diese Erfahrung brauchte ich offensichtlich, einfach um mich wachzurütteln und daran zu erinnern, was für eine krasse emotionale Kraft Spiele einfach manchmal haben können. Von da an ging’s auch langsam bergauf. Nach einem Monat des ewigen Rumsuchens, habe ich endlich eine Wohnung bekommen, hatte erstmal einen Monat kein Internet, also wiederum keine Videospiele aber gut. Das Studium läuft, alles sieht wieder etwas rosiger aus. Ich hab mich eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr in dem Mikrokosmus von Spielen und Bloggern und allem bewegt und bin jetzt mehr als aufgeregt, zu all dem zurückkehren zu können und zu sehen, was sich alles so getan hat. Videospiele bleiben einfach das aufregendste Medium.
Ich weiß dieser Text tanzt hier sehr aus der Reihe im Vergleich zu den anderen, die ich hier veröffentlicht habe. Aber wieso nicht mal persönlich werden. Und Manche wird es vielleicht gar nicht interessieren und Andere sehen einen Teil vielleicht bloß als Selbstbemitleidung an. Irgendwie war aber die zweite Hälfte dieses Jahres einfach eine extrem wichtige Erfahrung und gerade im Hinblick auf Videospiele vielleicht auch eine, die ganz interessant zu lesen war.
Und für alle, die sich momentan vielleicht ähnlich fühlen, wie ich zu besagter Zeit, schicke ich ganz viel Liebe sowie Internet-Hugs raus.



In diesem Sinne:
Thanks for reading, see you in the next decade!

Amon

Autor: Amon

Versucht des Öfteren, etwas Fundiertes über Videospiele zu sagen und zu schreiben. Meistens - aber nicht ausschließlich - auf seinem eigenen Blog. @AsonDT auf Twitter

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